LKA nimmt drei Mordfälle aus Oberhavel erneut unter die Lupe

Quelle: Märkische Allgemeine

ORANIENBURG – Als Hans-Jochen Lommatzsch am 18. Dezember 1992 kurz vor Mitternacht auf dem Parkplatz der Gaststätte „Havelkrug“ in der Emil-Polesky-Straße nach seinem neuen Auto schauen wollte, wurde er unvermittelt niedergeschlagen. „Autoklau ist hier nicht“, soll der Täter gerufen haben, ohne eine Antwort abzuwarten. Der Angegriffene fiel auf den Hinterkopf. Dann trat Jens Sch. mehrfach auf den reglos am Boden liegenden 51-jährigen Oranienburger ein. Als der Täter Stimmen hörte, rannte er davon. Die alarmierten Rettungskräfte konnten nur noch den Tod von Hans-Jochen Lommatzsch feststellen. Eine Obduktion ergab schließlich, dass ein Schädelbasisbruch zum Tod führte. Der Körper wies darüber hinaus starke Verletzungen an Brustkorb, Hals und Wirbelsäule auf.

Jens Sch. wurde drei Tage später verhaftet und später wegen Totschlags zu acht Jahren Haft verurteilt. 20 Jahre liegt seine Tat inzwischen zurück. Jetzt wird der Fall noch einmal unter die Lupe genommen. Innenminister Dietmar Woidke (SPD) kündigte an, dass 27 Tötungsdelikte, die zwischen 1990 und 2008 in Brandenburg verübt wurden, nach einem rechtsextremen Tatmotiv untersucht werden. Die Polizeistatistik weist für diesen Zeitraum neun Todesopfer rechter Gewalt aus. Nach Recherchen des Vereins Opferperspektive sind es aber 27, darunter auch der Mord an Hans-Jochen Lommatzsch und zwei weitere Tötungsdelikte aus Oberhavel.

Er schließe nicht aus, dass einige Fälle neu bewertet werden müssten, sagte der Innenminister. „Wenn zurückliegende Tötungsverbrechen in unserem Land einen rechtsextremistischen Hintergrund hatten, muss das die Öffentlichkeit in jedem Fall wissen. Hier sind wir vor allem den Opfern und ihren Angehörigen gegenüber in der Pflicht.“ Neben dem LKA werden in die Untersuchung auch das Moses-Mendelsohn-Zentrum der Universität Potsdam, Vertreter der Opferberatung sowie Integrationsbeauftragte einbezogen.

Der damals 23-jährige Oranienburger Jens Sch. galt als rechtsextrem. Sein Tatmotiv war offenbar die pure Lust an Gewalt. Ein politisches Motiv spielte damals vor Gericht keine Rolle.

Neu aufgerollt werden auch die 1994 begangenen Morde an Gunter Marx (42), der von betrunkenen jungen Skinheads in Velten totgetrampelt wurde, sowie von Ingo L. (18), der vor einer Disco in Klein-Mutz umgebracht wurde. (Von Klaus D. Grote)

Opfer rechter Gewalt
Drei Menschen wurden 1992 und 1994 in Oberhavel von Neonazis umgebracht. Alle drei Fälle haben Gemeinsamkeiten. Sie sind staatspolitisch nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt.
Die überparteiliche Initiative „Kein Vergessen Oberhavel“ will die genauen Hintergründe zu den Taten herausfinden und aufarbeiten.

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