Neonazi-Morde: Projekt erforscht drei Oberhaveler Delikte

Quelle: Märkische Allgemeine

ORANIENBURG –   Eigentlich hatte Hans-Jochen Lommatsch am 18. Dezember 1992 nur nach seinem neuen Auto schauen wollen, als er plötzlich niedergeschlagen wird. Der Täter tritt anschließend auf den am Boden liegenden 51-Jährigen ein. Lommatsch stirbt. Mehr als 20 Jahre nach dem Tod des Oranienburgers will das Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum den Fall noch einmal aufrollen.

Zwar war der Täter verhaftet und wegen Totschlags zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Der rechtsextreme Hintergrund der Tat wurde nach Recherchen des Vereins Opferperspektive jedoch möglicherweise nicht ausreichend bewertet. Das Forschungsprojekt untersucht deshalb, ob der damals 23-jährige Täter aufgrund seiner rechtsextremen Gesinnung handelte.

Neun Todesopfer rechtsextremistischer Gewalt zählt die offizielle Statistik in Brandenburg. Nach Recherchen von Journalisten und des Vereins Opferperspektive gehören möglicherweise 23 weitere Todesfälle dazu, darunter auch drei aus Oberhavel. In den kommenden zwei Jahren will das Moses-Mendelssohn-Zentrum sie alle im Auftrag des Innenministeriums auf rechtsextreme Hintergründe untersuchen. Neben dem Mord an Hans-Jochen Lommatsch sollen auch die Morde an Ingo L., der 1992 bei Gransee starb, und an Gunter Marx, der im August 1994 in Velten mit einem Radmutterschlüssel getötet wurde, neu aufgerollt werden.

„Wir werden nicht alle Fälle aufklären können“, sagt Projektleiter Gideon Botsch. Bei einigen Todesfällen seien die Begleitumstände unklar – wie etwa bei Ingo L., bei dem das Todesdatum nicht sicher bekannt ist. Dennoch wollen sich die Forscher der Herausforderung stellen. Für die Familien der Opfer sei es wichtig zu wissen, dass Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer Gruppe getötet worden sind, nicht aber wegen individuellen Fehlverhaltens.

Bislang, so Botsch, haben die Forscher „noch keine Akte gewendet“. Das am Montag in Potsdam vorgestellte Porjekt steht noch ganz am Anfang. In einigen Fällen gäbe es eine „deutliche Diskrepanz“ zwischen den Ermittlungen und dem anschließenden Urteil, so Botsch. Die Forscher versuchen deshalb neue Recherchen.

Eine Revision von Urteilen ist dabei nicht ihr Ziel. Die Forscher wollen, dass die Todesfälle in der Statistik angemessen benannt und eingestuft werden. Ein wichtiges Signal an die Zivilgesellschaft, so Botsch. Es dürfe schlichtweg nicht der Eindruck entstehen, dass etwas vertuscht werde.

Zu einer anderen Bewertung der Todesfälle kommen die Forscher möglicherweise auch, weil die Kriterien, nach denen ein Mordfall als politisch motiviert eingestuft wird, sich inzwischen verändert haben. Viele der Opfer kamen aus einem sozial schwachen Milieu. In den 90er-Jahren wurden rechtsextremistsisch motivierte Taten jedoch vor allem als rassistisch motivierte Taten verstanden. „Die Diskussion hat sich inzwischen weiterentwickelt“, sagt Botsch. (Von Frauke Herweg)

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

LKA nimmt drei Mordfälle aus Oberhavel erneut unter die Lupe

Quelle: Märkische Allgemeine

ORANIENBURG – Als Hans-Jochen Lommatzsch am 18. Dezember 1992 kurz vor Mitternacht auf dem Parkplatz der Gaststätte „Havelkrug“ in der Emil-Polesky-Straße nach seinem neuen Auto schauen wollte, wurde er unvermittelt niedergeschlagen. „Autoklau ist hier nicht“, soll der Täter gerufen haben, ohne eine Antwort abzuwarten. Der Angegriffene fiel auf den Hinterkopf. Dann trat Jens Sch. mehrfach auf den reglos am Boden liegenden 51-jährigen Oranienburger ein. Als der Täter Stimmen hörte, rannte er davon. Die alarmierten Rettungskräfte konnten nur noch den Tod von Hans-Jochen Lommatzsch feststellen. Eine Obduktion ergab schließlich, dass ein Schädelbasisbruch zum Tod führte. Der Körper wies darüber hinaus starke Verletzungen an Brustkorb, Hals und Wirbelsäule auf.

Jens Sch. wurde drei Tage später verhaftet und später wegen Totschlags zu acht Jahren Haft verurteilt. 20 Jahre liegt seine Tat inzwischen zurück. Jetzt wird der Fall noch einmal unter die Lupe genommen. Innenminister Dietmar Woidke (SPD) kündigte an, dass 27 Tötungsdelikte, die zwischen 1990 und 2008 in Brandenburg verübt wurden, nach einem rechtsextremen Tatmotiv untersucht werden. Die Polizeistatistik weist für diesen Zeitraum neun Todesopfer rechter Gewalt aus. Nach Recherchen des Vereins Opferperspektive sind es aber 27, darunter auch der Mord an Hans-Jochen Lommatzsch und zwei weitere Tötungsdelikte aus Oberhavel.

Er schließe nicht aus, dass einige Fälle neu bewertet werden müssten, sagte der Innenminister. „Wenn zurückliegende Tötungsverbrechen in unserem Land einen rechtsextremistischen Hintergrund hatten, muss das die Öffentlichkeit in jedem Fall wissen. Hier sind wir vor allem den Opfern und ihren Angehörigen gegenüber in der Pflicht.“ Neben dem LKA werden in die Untersuchung auch das Moses-Mendelsohn-Zentrum der Universität Potsdam, Vertreter der Opferberatung sowie Integrationsbeauftragte einbezogen.

Der damals 23-jährige Oranienburger Jens Sch. galt als rechtsextrem. Sein Tatmotiv war offenbar die pure Lust an Gewalt. Ein politisches Motiv spielte damals vor Gericht keine Rolle.

Neu aufgerollt werden auch die 1994 begangenen Morde an Gunter Marx (42), der von betrunkenen jungen Skinheads in Velten totgetrampelt wurde, sowie von Ingo L. (18), der vor einer Disco in Klein-Mutz umgebracht wurde. (Von Klaus D. Grote)

Opfer rechter Gewalt
Drei Menschen wurden 1992 und 1994 in Oberhavel von Neonazis umgebracht. Alle drei Fälle haben Gemeinsamkeiten. Sie sind staatspolitisch nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt.
Die überparteiliche Initiative „Kein Vergessen Oberhavel“ will die genauen Hintergründe zu den Taten herausfinden und aufarbeiten.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Vorstellung der Initiative „Kein Vergessen Oberhavel“

1992 und 1994 wurden in Oberhavel (Brandenburg) drei Menschen von Neonazis umgebracht. Am 03.01.1992 wurde der 18-jährige Ingo L. in Klein-Mutz von 15 Neonazis erschlagen. Am 18.12.1992 brachten zwei Neonazis den Oranienburger Hans-Jochen Lommatzsch auf einem Parkplatz um. In Velten ermordete ein Neonazi am 06.08.1994 Gunther Marx. Alle drei Fälle haben Gemeinsamkeiten. Sie sind staatspolitisch nicht anerkannt als Opfer rechter Gewalt. Für alle drei gibt es kein würdiges Gedenken. In den Fällen von 1992 gab es nur eine geringe, bzw. keine mediale Beachtung der Fälle. In den Fällen des Oranienburger Hans-Jochen Lommatzsch und des Velteners Gunther Marx liegt es daran, dass diese nicht Teil einer der Opfergruppen war, welche sonst von Neonazis angegriffen werden. Dabei wird der ideologische Kontext ignoriert, obwohl er eindeutig die Hemmschwelle zur Anwendung exzessiver Gewalt an Menschen senkt. Beim Fall Ingo L. dagegen handelte es sich um einen jungen Linken, doch auch hier gibt es keine Anerkennung als Opfer von rechter Gewalt.

Die Initiative „Kein Vergessen Oberhavel“ hat es sich zur Aufgabe gemacht die genauen Hintergründe zur Tat herauszufinden und aufzuarbeiten. Wichtig dabei ist auch zu beobachten, wie sich die Menschen in den Orten, speziell die Täter zur Tat verhalten und ein aktives Gedenken an die Opfer rechter Gewalt durchzuführen.
Auf politischer Ebene fordert die Initiative eine Anerkennung dieser, bzw. ALLER Opfer von rechter Gewalt in den offiziellen Zahlen, sowie eine kritische Überprüfung bei vergangenen Fällen bei denen Neonazis als Täter aktiv waren.

Die Initiative “Kein Vergessen Oberhavel” ist überparteilich und besteht aus Antifaschisten aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen Oberhavels.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar